„Fantastisch, die Hälfte hast du schon geschafft“, ruft mir die nette Stimme aus meiner Lauf-App durch den Kopfhörer zu, während ich im Schneckentempo eine junge Mutter mit Kinderwagen überhole. Ich befinde mich mitten in einem Selbstversuch: Laufen. Im Sinne von Rennen. ’ne Runde joggen. Klingt cool. Ich hab sofort eine Frau in Leggings vor Augen, mit pinkfarbenem Stirnband, farblich passenden Laufschuhen, Handy am Oberarm und Kopfhörern im Ohr.

Aber bis auf die Kopfhörer im Ohr und die deutsche Übersetzung des Wortes hat das nicht viel mit mir zu tun. To jog, trotten. Ja, das passt. Ich trotte, ich schleppe mich voran, viel schneller als die frischgebackenen Mütter mit Kinderwagen bin ich nicht, aber es wird. Das merke ich schon. Und, nur so am Rande, ich habe gar nicht vor, mir ein pinkfarbenes Stirnband zuzulegen und durch die Innenstadt zu rennen. Mich zieht es eher in die Natur. Und mit meiner ausgeleierten Jogging-Hose und meinen alten Aldi-Turnschuhen komme ich ganz hervorragend zurecht. Ich mache das nämlich, weil … Ja warum eigentlich? Noch befinde ich mich in dem Stadium, in dem ich mir diese Frage durchaus stelle – und zwar meist 10 Sekunden nachdem ich das Haus verlassen habe.

Ich mache das nicht, um abzunehmen (wobei ich gegen diesen eventuellen Nebeneffekt nichts einzuwenden hätte). Ich mache das, weil ich den Punkt erreichen will, an dem das Laufen frei macht – den Kopf frei macht. Den Punkt, an dem Stress abgebaut wird. An dem man aus der Lethargie gerissen wird, der mich davon abhält, mich in meinem Lebenssessel so gemütlich einzurichten, dass ich nie mehr aufstehe. Ich will wissen, ob die physische Bewegung ein ganzes Leben in Bewegung bringen kann.

In unseren Büros und in unseren Leben stehen riesige Hamsterräder. Darin rennen wir jeden Tag. Ohne vom Fleck zu kommen und erstaunlicherweise ohne uns zu bewegen. Und abends sind wir vom bewegungslosen Rennen im Hamsterrad so müde, dass wir es nur noch in den dicken Sessel schaffen, wo das Hamsterrad sich dann im Kopf unendlich weiterdreht. Und irgendwo zwischen Umdrehung 4.283 und 4.284 ist unser seelisches Gleichgewicht auf der Strecke geblieben.

Ich sitze schon ziemlich tief drin in dem Sessel. In dem kleinen Wägelchen, das seit Jahren die gleichen Schienen entlangfährt. Und ehrlich gesagt bin ich viel zu schlapp, um auszusteigen und irgendwelche Weichen anders zu stellen oder mich mal ne Weile zu Fuß durch die Wildnis zu schlagen. Lieber sitze ich in dem Wägelchen und rolle, wohin die Schienen führen. Das ist so schön unanstrengend.

Der amerikanische Comiczeichner „The Oatmeal“ hat seine Erfahrungen mit dem Laufen in einem Buch zusammengefasst: „Die schrecklichen und wundervollen Gründe lange Strecken zu laufen“, heißt es. Dort begegnete ich dem kleinen, dicken Monster mit dem Namen „Blerch“. Blerch ist das Geräusch, das Essen macht, wenn es aus der Packung schwappt. Für mich ist es auch das Geräusch, das der dicke Lebenssessel macht, wenn man sich reinfallen lässt. Der Blerch hält einen davon ab, sich aufzuraffen und der Apathie und Passivität die Stirn zu bieten. The Oatmeal behauptet, das Einzige, das man machen kann, ist dem Blerch davonzulaufen.

Die ersten Kilometer die man läuft, kommt der Blerch noch mit und brüllt einem ins Ohr umzukehren und sich wieder in seinen Sessel zu setzen, um Kuchen zu essen (kenn ich). Aber irgendwann schüttelt man ihn ab. Irgendwann erreicht man diesen magischen Moment der Freiheit, der Leere im Kopf. Und wenn man wieder zu Hause ankommt, ist man glücklich und zufrieden und der Blerch kann einem für die nächsten Stunden gestohlen bleiben.

Ich habe schon längst die Erfahrung gemacht, dass ich viel effizienter und konzentrierter in meinen Arbeitstag starte, wenn ich die 10 Kilometer zum Büro mit dem Fahrrad zurückgelegt habe statt mit dem Auto. Warum also nicht abends noch laufen gehen?

Ich musste bei null anfangen, eher sogar in Richtung minus 10. Zum Glück gibt es – wie für so gut wie alles heutzutage – eine App. „Start running“. Erst mal zwei Minuten rennen, drei Minuten laufen im Wechsel. 15 Minuten lang. Hab ich geschafft. Ein wenig albern ist es schon, wie GUT ich mich nach meinem ersten „Lauf“ gefühlt habe. Yeah, Blerch, du kannst mich mal! Scheint was dran zu sein an der Sache.

Ich gewinne schon jetzt einen Eindruck dessen, was das Laufen bewirken kann. Ich glaube tatsächlich, dass körperliche Bewegung unser Verhalten, ein ganzes Selbstkonzept verändern kann. Als würde man an einem kleinen Rädchen drehen, das viele andere und am Ende auch die ganz großen Räder in Bewegung bringt.

Es erscheint mir gar nicht abwegig, dass Laufen sogar als Therapie bei Depression eingesetzt wird: Jemand, der sich für das Laufen entscheidet, übernimmt Verantwortung für sich selbst. Er wird zu einer selbstbestimmten, aktiv handelnden Person. Genau das ist auch das Ziel in der Verhaltenstherapie. Ein Rädchen, das andere Räder in Bewegung bringt. Wenn man mit dem Laufen anfängt und die Leistung langsam steigert, sind Erfolgserlebnisse vorprogrammiert. Menschen, die unter Depressionen leiden, haben das schon lange nicht mehr erlebt. Sie leben mit dem Gefühl, nichts zu können, nichts zu erreichen, festzustecken. Ich selbst habe sofort gemerkt, wie schnell sich beim Laufen Erfolgserlebnisse einstellen. Das steigert das Selbstwertgefühl und setzt Prozesse frei – auch bei Nicht-Depressiven. Zusätzlich werden Versagensängste abgebaut. Die Psychologin Susi Reinhart schreibt in „Psychologie heute“: „Der Grund liegt darin, dass die neue Erfahrung ‚Ich kann Hürden überwinden‘ verinnerlicht wird. Der logische Schluss: ‚Nun kann ich mich auch an andere Hürden heranwagen.‘“

Seit dem Beginn meines Selbstversuchs war ich siebenmal Laufen. Inzwischen schaffe ich schon 10 Minuten am Stück zu rennen, ultralangsam zwar und mit Gehpausen insgesamt nur 30 Minuten. Aber immerhin. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich auf den Moment des Loslaufens schon so bald so freuen kann. Noch immer trotte ich eher, als dass ich laufe. Ganz bin ich auch den Blerch noch nicht losgeworden. Ständig werde ich von anderen Läufern überholt. Den Moment, wenn Endorphine ausgeschüttet werden und Serotonin produziert wird, werde ich wohl nie erreichen. Macht nix.

Denn was ich schon erlebe, ist die „Laufblase“ – wenn das Hamsterrad im Kopf stillsteht. Denn beim Laufen tritt eine Art Gedankenstopp ein. Ein grübelfreier Zustand, in dem Sorgen und Ärgernisse keine Chance haben, sich in unseren Gedanken festzusetzen. Im Lehrbuch Sportpsychologie hat das den Namen Ablenkungshypothese. Die Erklärung: „Körperliche Aktivität beansprucht die kognitive Informationsaufnahme und -verarbeitungskapazität, so dass von der Wahrnehmung anderer Stressoren abgelenkt wird.“ Oder was The Oatmeal dazu zu sagen hat:

© The Oatmeal (aus „Die schrecklichen und wundervollen Gründe, lange Strecken zu laufen“)

Vorerst reicht mir das. Das und das Gefühl, wie mein Kreislauf auf Touren kommt, mein Herz pumpt, wie der Sauerstoff durch meinen Körper strömt und eine Energie freisetzt, die mich durch den ganzen nächsten Tag trägt. Es wird vielleicht kein Serotonin, aber trotzdem eine Art Glücksgefühl ausgeschüttet, wenn ich merke, wie meine Beine langsam, ganz langsam anfangen, von alleine zu laufen. Ich liebe es, unter blühenden Bäumen durchzulaufen, den Geruch der nassen Erde und die letzten Sonnenstrahlen des Tages aufzunehmen. Vitamin D zu tanken. Die nette Stimme aus meiner Lauf-App sagt „Prima! Und jetzt: Drei Minuten gehen“. Doch ich renne weiter. Noch bis zu dem Kirschbaum da vorne. Bis zur nächsten Kreuzung. Bis zum Zebrastreifen. Und zack bin ich zu Hause.

Yeah, Blerch, du kannst mich mal! Nieder mit der Passivität!

 

PS: Ich hab übrigens den leisen Verdacht, dass es etwas mit dem Laufen zu tun hat, dass mein HERZWERT Beitrag das erste Mal fast schon überpünktlich zu Redaktionsschluss fertig wurde …

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