© PETA / Xavier DOLLIN - Xavibes.com
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Die besondere Bedeutung roter Lippen reicht weit in die Menschheitsgeschichte zurück. Während im alten Ägypten Pharaonen ihre Lippen noch mit Henna tönten, wurden in Mesopotamien sogar Halbedelsteine zerstoßen, um die wertvolle Farbe zu erhalten. Im Römischen Reich experimentierte man mit Rotweinsedimenten, und selbst im Mittelalter versuchte man sich an unterschiedlichsten Pflanzenextrakten, um das rote Lippengold herzustellen. Zu Zeiten des Barocks nutzte man Schildlaus-Mixturen und später eine Pomade aus dunklem Trauben- und Schminkwurz-Saft. Doch der Siegeszug des roten Lippenstifts begann vor allem mit der Goldenen Ära in Hollywood. Als die großen Leinwanddiven mit ihren leuchtend roten Lippen in einer Aura der Verführung, der Extravaganz und einem Hauch der Verruchtheit im Scheinwerferlicht glänzten. Und bis heute hat kaum eine andere Farbe in der Kosmetik eine größere Signalwirkung als roter Lippenstift.

Ich erinnere mich noch ganz genau an die traurigen roten Augen von Fred. Fred war ein fünfjähriges Albino-Kaninchen, das aus einem Kosmetiktestlabor „befreit“ wurde. Gemeinsam mit Frieda war er eines von nur fünf Versuchskaninchen, die gerettet und vermittelt werden konnten, nachdem aufgrund von rechtlichen Beschlüssen die Versuchseinrichtung geschlossen wurde. Die restlichen 80 Artgenossen von Fred und Frieda mussten „entsorgt“ werden. Sie waren über die jahrelangen Versuche so schwer „kontaminiert“, dass ein potenzielles Ansteckungsrisiko nicht ausgeschlossen werden konnte. Fred war auf einem Auge blind. Auf seinem rechten Ohr und seinem unteren Rücken konnte kein Fell mehr wachsen. Die Haut war zu stark verätzt, schuppig und voller Narben. Fred kannte kein Gras unter seinen Pfoten. Als er den ersten Hoppler aus seiner Transportbox in das Freigehege machte, blieb er sofort wie angewurzelt sitzen. Aufmerksam stellte er seine Ohren. Die kleinen Nasenflügel bewegten sich ganz aufgeregt, als sie den Duft des lauen Frühlingswindes rochen. Noch heute schnürt mir die Erinnerung an ihn immer wieder die Kehle zu. Fred lebte noch ein Jahr, wovon er im ersten halben Jahr gänzlich erblindete.

Fred lebte und litt für die Schönheit. Für unsere Schönheit. Für unsere Eitelkeit. Für die Kosmetik. Jeder von uns kennt das Sprichwort „Wer schön sein will, muss leiden“. Doch ich frage mich, warum für unsere Schönheit die leiden müssen, die weder Einspruch noch Gegenwehr leisten können? Die Suche nach Antworten wirbelte noch mehr Fragen auf und meine Recherchen führten mich nach Stuttgart, zu PETA Deutschland. PETA polarisiert. PETA ist laut. PETA nimmt kein Blatt vor den Mund. Und genau darum ging es mir, um Antworten auf ein Thema zu finden, dass hinter verriegelten Sicherheitstüren passiert und Millionen Konzerne betrifft. Tierversuche für Kosmetik.

Bei PETA Deutschland stößt man auf keine verriegelten Türen. Schon nach dem ersten Klingeln wurde ich freundlich nach oben begleitet, wo mich Jana Fuhrmann und Stephanie Kowalski herzlich empfingen. Jana Fuhrmann ist für die Medienkoordination zuständig und Stephanie Kowalski, meine heutige Gesprächspartnerin, studierte Tierärztin und betreut seit knapp 1 ½ Jahren bei PETA den Bereich Tierversuche. Ich bekomme eine kleine Führung durch die hellen Räumlichkeiten, und mir fallen die Kindergittertürchen in den Bürotürrahmen auf. „Einige Kollegen bringen ihre Haustiere mit, oder tierische Mitbewohner, wie wir sie nennen“, entgegnet Jana lächelnd auf meinen fragenden Blick hin. Sie verabschiedet Stephanie und mich in einen kleinen Besprechungsraum, mit Blick ins Grüne.

„Kaffee?“, fragt mich Stephanie und reicht mir dazu Soja- und Mandelmilch. „Schön, dass wir uns kennenlernen. Ich freue mich, dass du dich gerade für dieses komplizierte Thema interessierst. Im Vergleich zu veganer Ernährung, welche gerade einen riesen Hype erfährt, die schnell erklärt und verstanden ist, muss man bei Tierversuchen deutlich weiter ausholen“, beginnt Stephanie die Unterhaltung. Ich erfahre, dass gerade das Thema Tierversuche kein einfaches ist. Doch durch die 2007 in Kraft getretene REACH-Verordnung (Registrierung Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe) sind Tierversuche in der EU weiterhin vorgeschrieben, sofern die Möglichkeit besteht, dass beispielsweise Mitarbeiter während der Herstellung der Produkte mit diesen Stoffen in Berührung kommen könnten. Zudem zieht es nach wie vor Kosmetikhersteller auf Märkte, in denen Tierversuche vorgeschrieben sind, so etwa in China. „Es ist wie ein Gesetzesdschungel, in dem man sich immer mehr verläuft. Dazu kommt der Lobbyismus, die Pharmaindustrie, Tierzüchter, Hersteller der Käfige sowie Betreiber der Labore, die alle das gemeinsame Interesse verfolgen, Kapital zu erwirtschaften und möglichst viel zu verschleiern“, erklärt mir Stephanie mit verzweifeltem Blick: „Selbst die sogenannten Ethikkommissionen, die laut deutschem Tierschutzgesetz an der Genehmigung von Tierversuchen beteiligt sind, haben nur eine ‚beratende Funktion’ und bestehen zu zwei Dritteln aus Wissenschaftlern, die meist selbst Tierversuche durchführen und befürworten.“

Sofort schießen mir all die Bilder und Videoaufnahmen von Tierversuchen durch den Kopf. Affen mit panisch aufgerissenen Augen, spastisch zuckende Kaninchen in kahlen dunklen Käfigen, Katzen mit verätzten Augen und in die Schädeldecke gebohrten Apparaturen und Raten, über Tage in Röhren festgehalten und akutester Strahlung ausgesetzt. Krämpfe. Erbrechen. Blutungen aus Augen, Nase, Mund. Verätzungen. Schmerzen. WARUM? „Dass die Kosmetikindustrie an der Praxis grausamer Tierversuche festhält, ist neben dem finanziellen Aspekt sehr häufig der banalen Tatsache geschuldet, dass sie es sich nicht vorstellen kann, neue Verfahren anzuwenden. Dabei ist allein schon aufgrund physiologischer und anatomischer Unterschiede zwischen Mensch und Tier kein Testergebnis wirklich übertragbar. Laut der U.S. FDA (Food and Drug Administration) versagen 92 Prozent der Medikamente, die als sicher und wirksam bei Tieren ausgewiesen wurden, beim Menschen,“ entgegnet mir Stephanie nüchtern und fährt weiter fort: „Hätte man Aspirin beispielsweise an einem Hund oder einer Katze getestet, wäre es nicht entdeckt worden, da es dort ganz anders wirkt. Im Gegenteil, Hunde bekommen davon Magenbluten und bei Katzen wirkt es bei wiederholter Verabreichung hoch toxisch. Genau wie die Testversuche der Tabakindustrie an Ratten bezüglich der Auswirkungen von Tabakkonsum: Ratten können keinen Lungenkrebs bekommen!“ Mein WARUM? wird größer. WARUM dann noch Tierversuche? Stephanie bestärkt meine Fassungslosigkeit: „Verschiedene Testmethoden an Tieren wurden mittlerweile komplett durch überlegene, preiswertere und effizientere tierfreie Testmethoden ersetzt. Dazu gehören z.B. In-vitro-Methoden, zellbasierte Forschung, der Einsatz von menschenähnlichen Simulatoren, rechnergestützte Verfahren zur Modellerstellung und Studien an menschlichen Patienten und Freiwilligen.

Ich denke an Fred. Ich frage mich, warum dieses Tier so viel erdulden musste, wenn es doch so viele Alternativen gibt. Ich fühle mich irgendwie schuldig und gleichzeitig hilflos, dieser grausamen Industrie gegenüber. Stephanie muss meinen gedrückten Blick bemerkt haben: „Man kann dem sehr wohl etwas entgegensetzen. Es gibt viele tierversuchsfreie Produkte und immer mehr Unternehmen, die sich ihrer ethischen Verantwortung bewusst werden und auf Tierversuche verzichten. Wichtig ist, dass man nicht sagt: „Ich kann nichts machen“. Man kann die Vergangenheit nicht ändern, aber die Zukunft! Man kann die Firmen unterstützten, die keine Tierversuche durchführen und sich um eine ganzheitliche Sicht und bessere Zukunft bemühen!“

Stephanie bringt mich noch zum Ausgang. Wir verabschieden uns. Gedankenversunken laufe ich die Treppen hinunter und bleibe an der letzten Stufe kurz stehen. Mein Blick fällt auf die PETA-Infomappe, die mir Stephanie noch mitgab und die ich mir unter den Arm geklemmt hatte. Obwohl es die ganze Zeit so offensichtlich war, fiel es mir erst in diesem Moment so deutlich auf: Der Hase im Logo von PETA. Ein weißer Hase. So wie Fred. Und für einen kurzen Augenblick hatte ich das Gefühl, dass er mir zuzwinkert.

 

FÜR FRED

Hier die Liste von Herstellern, die offiziell und schriftlich versichert haben, keine Tierversuche durchzuführen oder in Auftrag zu geben sowie ihre Produkte nicht auf dem chinesischen Markt anzubieten: kosmetik.peta.de

Persönlicher Geheimtipp: LUSH Produkte – in vielen Städten gibt es schon LUSH-Stores und auch online findet ihr ein großes Sortiment: lush.com

Naturkosmetik: Die meisten Siegel werden nur für Produkte vergeben, bei denen keine Tierversuche zum Einsatz kommen. Ein sehr bekanntes Siegel ist das BDIH, der BDIH-Standard für kontrollierte Naturkosmetik.

Veganblume: Das inzwischen weitverbreitete Siegel mit der Sonnenblume in einem Kreis darf nur Produkte kennzeichnen, für die keine Tierversuche durchgeführt oder in Auftrag gegeben werden.

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