Wer hat eigentlich festgelegt, dass man an Ampeln bei ROT stehen bleiben muss und bei Grün gehen darf? So ganz genau kann man das gar nicht sagen. Meine Recherchen ergaben zumindest nicht viel, außer dass es die ersten elektrischen Ampelanlagen wohl erst Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa und erst in den 1920er Jahren in Deutschland gab.

Wann auch immer der erste Fußgänger oder die erste Fußgängerin in Berlin oder Hamburg zum ersten Mal an welcher Ampel stehen blieb. Es ist für den weiteren Verlauf dieses Artikels tatsächlich nicht ganz so wichtig. Denn die Sache kam so: Auf die Ampeln kam ich ‒ wie überraschend ‒ durch unseren Schwerpunkt ROT. Wer mich kennt, weiß, was dann passiert. Der kleine Mann in meinem Kopf begibt sich in meinen Geschichtenspeicher und kommt von dort nach Sekunden und selten mit leeren Händen zurück.

Diese Mal fand er einen Songtext und fing auch schon an zu singen: „Du schreibst jetzt hundert Mal: Ich soll bei Rot so wenig warten wie bei Grün. Wenn es Gelb wird, will ich gehen. Man hat sich viel zu schnell an all den Müll gewöhnt.“

Und schon war ich am Schwelgen. Aber ja, „Hundertmohl“, so der Originaltitel, ist eines meiner absoluten Lieblingslieder von Wolfgang Niedecken und seiner Band BAP. Niedecken ging es dabei natürlich nicht ernsthaft darum, bei Gelb über Kreuzungen zu gehen. Das Lied bezieht sich vielmehr sehr reflektierend auf seine ganz persönliche Entwicklung und handelt davon, sich als „Star“ nicht irgendwann in Routinen zu verlieren. Und mein Hirn so: Hey Helge, denk doch mal an Regeln und Routinen in DEINEM Leben. Na toll.

Nun gut. Zunächst denke ich, wir sollten Regeln, Routinen bzw. Dinge, die man „schon immer so gemacht“ hat, viel öfter in Frage stellen. Und genau das ist für mich spätestens seit besagtem BAP-Lied von 1983 fast eine Art Mantra geworden. Anders ausgedrückt: Ich habe mir damals das kindliche Recht, bei allem „Warum?“ zu fragen, einfach wieder genommen. Danke Wolfgang! Lasst mich ein paar Beispiel aufführen und mit einem ganz einfachen beginnen.

Die meisten Menschen glauben, was in der Zeitung steht.

Warum?

„No Sports“ soll Winston Churchill gesagt haben. Frei übersetzt wurde es mit „Sport ist Mord“. Und die Faulen unter uns feiern ihn heute noch dafür. Ist da was dran? Leben Menschen gesünder ohne Sport?

Nun, wenn die meisten Unfälle tatsächlich im Haushalt passieren, ist man beim Sport vermutlich einigermaßen sicher. Doch apropos Haushalt. Warum steht eigentlich nur auf Zigaretten „Kann tödlich sein.“ Ich meine, das ist unstrittig. „Tödlich sein“ können aber viele andere Dinge auch. Allen voran Alkohol. Oder eben Haushalt und Heimwerken. Dicht gefolgt von Autofahren, Skifahren, Fliegen, Fahrradfahren oder dem Konsum von chemisch veränderten Lebensmitteln (also heutzutage fast allen). Bei keinem dieser Produkte und keiner dieser Tätigkeiten allerdings finde ich irgendeinen Warnhinweis auf „tödliche Gefahren“ oder gar Schreckensbilder von verunglückten Heimwerkern oder ausgebrannten Flugzeugen. Warum?

Auf der Toilette sitzt man und frau in einem rechten Winkel. Das Hocken in Stehklos wie in Südfrankreich am Strand finden die meisten hingegen unnatürlich.

In ihrem Buch „Darm mit Charme“ begründet Giulia Enders rein medizinisch, warum es genau umgekehrt sein sollte. Kurz gesagt: Sitzen wir aufrecht, entsteht im Darm ein Knick. Sitzen wir in der Hocke, „rutscht“ es wesentlich besser. Ich nutze seitdem einen Tritt für die Füße. Aber die Form der Toiletten hat sich trotz des Buches bisher nirgends verändert. Warum?

Wir leben in der Ersten Welt.

Hmm. Wusstet ihr, dass der Homo sapiens ursprünglich aus Afrika kommt, erst später nach Europa kam und in der weiteren Evolution den Neandertaler „abgelöst“ hat. Ich habe es erst kürzlich auf arte „gelernt“. Müsste nicht also Afrika die „Erste Welt“ sein. Ich würde auf jeden Fall gerne jeden, der im Zusammenhang mit Afrika immer von der „Dritten Welt“ spricht, fragen: Warum?

PS: Und was ist eigentlich die „Zweite Welt“?

Wer zu Gott beten will, geht in die Kirche.

Ausgerechnet in die Prunk-Paläste der Typen also, die (zumindest im Falle der katholischen Kirche) Gott schon immer nur dazu benutzt haben, Macht zu erlangen, ihren Reichtum zu mehren und Menschen zu unterwerfen. Dennoch wird (auch) die (katholische) Kirche hierzulande immer noch durch eine staatlich erhobene Steuer finanziert. Warum?

Wenn das Marketing eine Agentur sucht, machen sie einen Pitch.

Angeblich um die beste Lösung für ein Problem zu finden oder (wenn sie ehrlich sind) weil der Einkauf Geld sparen muss, um seine Ziele zu erreichen. Fakt ist jedoch: Beides ist bei einem Pitch eher unwahrscheinlich. Denn erstens wird die beste Lösung selten in kurzer Zeit und ohne ein intensives Verständnis der Ursachen des Problems sowie ohne ein Kennenlernen der handelnden Akteure und der genauen Umstände entstehen. Und zweitens kostet ein Pitch alle Beteiligten so viel Zeit und Geld, dass von „Sparen“ keine Rede mehr sein kann. Trotzdem machen nach wie vor alle mit. Warum?

Stillen ist das Beste für das Kind.

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© Helge Thomas

Aha. Und warum ändern die Fachleute dann alle paar Jahre ihre Meinung dazu? Ist ja auch egal. Denn ich weiß, wie unfassbar schön es ist, als Vater (der schon neun Monate nur zuschauen durfte) seinem Kind so nahe zu sein, wenn man ihm nachts um halb vier die Flasche geben darf. Wer weiß, was das für die spätere Entwicklung eines Kindes bedeutet. Die Mutter ist immer wichtiger? Aha. Warum?

Alle hippeligen Kinder haben ADHS

Der amerikanische Psychiater Leon Eisenberg gilt als „Vater“ von ADHS. Er hat bereits in den frühen 1960er Jahren als Erster Studien dazu gemacht und Hippeligkeit und Konzentrationsschwäche bei Kindern mit diesem Krankheitsbild „klassifiziert“. Die Folgen waren fatal. Die Anzahl der Patienten explodierte ebenso wie die Verschreibungen von „Ritalin“. Laut Spiegel von 34 kg im Jahr 1993 auf 1760 kg im Jahr 2011. 2012 schrieb die FAZ dann Folgendes: „Vierzig Jahre später, kurz vor seinem Tod, gestand Eisenberg dem Wissenschaftsjournalisten Jörg Blech, dass er nicht mehr an ADHS glaubt. ADHS, sagte er, sei ‚ein Paradebeispiel für eine fabrizierte Erkrankung‘“. Wenn mich meine Antennen nicht täuschen, rennen viele Eltern wohl trotzdem immer noch zum Arzt, um nach DER Diagnose zu fragen, und freuen sich, wenn ihr Kind dank Ritalin endlich Ruhe gibt und auch in der Schule nicht mehr negativ auffällt. Warum machen sich Eltern nicht auf die Suche nach den wahren Ursachen der Hippeligkeit ihres Kindes? (O. k., hier ist es eine rhetorische Frage.)

Geh niemals mit vollem Bauch ins Wasser.

Eine von vielen sogenannten Oma-Regeln. Die mit dem vollen Bauch erzählt meine Schwiegermutter heute noch meinen Kindern. In einer empirischen Untersuchung hat der amerikanische Sportarzt Arthur Steinhaus jedoch bereits im Jahr 1961 keinerlei Anzeichen dafür gefunden, dass man z. B. leichter Magenkrämpfe bekommt, wenn man direkt nach dem Essen ins Wasser springt. In den Baderegeln der DLRG (Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft) heißt es dennoch bis heute: „Vermeiden Sie ein Bad unmittelbar nach dem Essen.“ (Quelle: www.netzathleten.de).

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© Helge Thomas

Ein Sprecher der DLRG sagte der Brigitte: „Medizinisch und wissenschaftlich gibt es dafür keine Begründung. Wir wissen aber, dass gerade Kinder beim Spielen häufig Wasser schlucken.“ Dies könne in Kombination mit einem vollen Magen dazu führen, dass ihnen übel werde und sie sich übergeben. „Dann kann es vielleicht etwas gefährlich werden“, sagt Wiese. „Das ist aber der einzige Grund, warum wir das in unseren Regeln gelassen haben.“ (Quelle: www.brigitte.de)

Hier möchte ich enden, freue mich auf eure Gedanken und schmeiß für alle Fälle noch ein weiteres Zitat aus Niedeckens Lied in die Runde: „Schreib’ dir die Finger weiter blutig, schrei es raus, so laut du kannst. Dann lege die Zettel überall hin, daß etwas bleibt. Von dem, was wir gerade nicht zum ersten Mal begriffen haben.“

Und wieder einmal stelle ich fest: Im kölschen Original klingt es wesentlich besser. Bitteschön: „Schrief dir die Finger wigger bloodisch, schrei et russ, su laut de kanns. Dann lääsch die Zäddel övverall hin, dat jet bliet, von dämm, wat wir jraad nit zem eezte Mohl begriffe hann.“ (Quelle: www.bap.de)

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