© go2 / photocase.de
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Wie jedes Jahr gegen Ende November läuft auch in diesem Jahr die Weihnachtsvermarktungsindustrie wieder auf Hochtouren. Die Werbeindustrie gibt noch mal alles und versucht mit einem Höchstmaß an Emotionalisierung die Verkaufsabsätze Richtung Hemisphäre zu katapultieren. Super-Super-Sonderangebote, überquellende Printanzeigen, schrille Radiojingles, penetrante Werbespots. Im eingeschworenen Kollektiv verfolgen sie alle nur ein großes Ziel: KAUFEN, KAUFEN, KAUFEN. Und die geblendeten Konsumenten folgen ihren Rufen wie eine Zombieschar. Menschen, die mehr haben, als sie wirklich brauchen, verspüren in dieser Zeit aus dem Nichts einen Mangel an allem. Eine neue Jacke, noch ein frischeres Parfüm, neue Kissenbezüge oder ein neues Topfset. „Sinnvolle Dinge“ eben – kann man ja immer mal brauchen. Und wie würde man auch dastehen, wenn man den Liebsten keine materielle Freude zu Weihnachten macht. Liebe = Ware. Je besser, je teurer, desto größer die empfundene Zuneigung des Schenkenden. Kaufen, um zu lieben.

Was jetzt folgt, und das möchte ich an dieser Stelle deutlich betonen, ist keine Pseudo-Gutmensch-Weihnachtsgeschichte. Es ist mir wirklich passiert. Es hat mir – wie so oft schon – gezeigt, dass es im Leben wesentlich wichtigere Dinge gibt, als Warenkörbe mit Sinnlosem zu füllen.

Nun, ich stand also neulich Abend an der Kasse eines Supermarktes. Während ich noch meine Einkäufe in der Tasche verstaute, fiel mein Blick auf eine ältere Dame, die hinter mir in der Schlange stand. Sie fühlte sich sichtlich unwohl in der Hektik der Kassenschlange. Ihr wettergegerbtes Gesicht war zur Hälfte von einer viel zu großen Mütze verdeckt, unter der verknotete Haarsträhnen hervorschauten. Ihr abgewetzter Mantel war für die Jahreszeit viel zu dünn und der alte Wollpulli darunter hatte große Löcher und zog überall Fäden. Sie trug Männerschuhe, die ihr mindestens zwei Größen zu groß waren und an denen sich die vordere Sohle löste. Sie hatte nur zwei Dinge auf das Kassenband gelegt: eine kleine Flasche Wasser und eine Tüte abgepacktes Brot. Nervös fragte sie den Verkäufer, ob das Brot auch wirklich reduziert wäre, wie es da auf dem Schild stand. „Ja, ist von gestern und deshalb reduziert“, entgegnete er ihr nüchtern. Sie willigte nickend ein und der Kassenbandscanner piepste zweimal. „Das macht dann 0,85 Cent.“ Die Frau kramte aus der Manteltasche eine kleine Plastiktüte heraus, in der sie ihr Geld aufbewahrte, zahlte und verschwand durch die Schiebetür in der eisigen Dunkelheit.

Leider war ich zu perplex, um in dieser Situation irgendetwas sagen, geschweige denn tun zu können. Aber das Bild dieser Frau mit der Tüte trockenem Brot geht mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Es erfüllt mich jedes Mal mit tiefem Mitgefühl. Auch wenn ich in der Situation selbst nichts tun konnte, so kann ich doch noch etwas tun, in dem ich eben diese Geschichte mit Euch teile.

Rot ist die Farbe der Liebe.

Nicht die der Preisschilder.

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